Wer sind die Frauen und Männer, nach denen hiesige Regelschulen benannt sind? Die meisten Schulen in Deutschland tragen Namen von Persönlichkeiten, die sich in der Zeit, in der sie lebten, vorbildlich engagierten. Einige Regelschulen mit besonderen Namen gibt es nur in Kiel. Die Menschen mit diesen Namen stelle ich hier vor:

Kleemannschule

Gustav Kleemann (1886-1964), gebürtiger Kieler, studierte in Hamburg Staatsrecht, Handelsrecht und Betriebswirtschaft. Er wirkte an der Marineschule Flensburg-Mürwik sowie an der Privatschule Schröder am Sophienblatt. 1931 kaufte er sie und führte sie erfolgreich als seine Privatschule im Löwenbräuhaus am Alten Markt. Nach dem Krieg fand der Unterricht in seinen Privaträumen statt, seine Schüler mussten Heizmaterial mitbringen. 1950 wechselte er ins Jacobsenhaus, gegenüber Karstadt sports an der Holstenstraße. Er änderte den Schulnamen in Private Kaufmännische Berufsfachschule Kleemann. Da die Stadt Kiel Ende der 50er Jahre eigene Handelslehranstalten aufbaute, schwand das Interesse an der Kleemannschule, seinem Lebenswerk, was ihm seinen Lebenswillen nahm. (www.kleemannschule.de)

Für immer verewigt – ©Robert Perschke

Für immer verewigt – ©Robert Perschke

Toni Jensen Schule

TJS mit Wasserturm – © Robert Perschke

Toni Jensen Schule

Thomasine Margarete Jensen (1891-1970), eine Frau, die Kiel maßgeblich mitprägte, war an der Ersten Mädchen Mittelschule in Kiel und lernte am Königlichen Lehrerinnenseminar auf Alsen, war DRK-Schwester im Ersten Weltkrieg, Volksschullehrerin in Kiel, Kieler Stadtverordnete und Abgeordnete im preußischen Landtag, wäre beinahe Preußische Oberpräsidentin (entspricht der heutigen Ministerpräsidentin, Anm. d. Autors) geworden. Mitte der 30er Jahre verlor sie als Folge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ihr Lehrmandat und ging in die USA, um dort die  Erwachsenenbildung kennenzulernen. Sie wurde auf Anordnung der britischen Militärregierung in die Kieler Ratsversammlung berufen und leitete das Schuldezernat. Nach ihrer Pensionierung war sie erneut im Kieler Stadtrat vertreten und starb in Kiel nach einem erfüllten Leben als engagierte Bildungspolitikerin und mutige Frau ihrer Zeit. (www.toni-jensen-gemeinschaftsschule.de, und www.kiel.de).

Muhliusschule

Heinrich Muhlius (1666-1733) war evangelischer Theologe und Generalsuperintendent im Herzogtum Schleswig-Holstein Gottorf. Er war Professor für morgenländische Sprachen, Dichtkunst und Rhetorik (früher sehr beliebte Studienfächer) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und wurde Hauptpastor an der Kieler Nikolaikirche. Nach seiner Promotion in Theologie war er in der hiesigen Universität als Lehrender tätig und einer der führenden Pietisten Schleswig-Holsteins. Der Pietismus ist die wichtigste Reformbewegung im kontinentaleuropäischen Protestantismus, versteht sich als Rückbesinnung auf zentrale Anliegen der Reformation. Die Kieler Nachrichten (KN) berichtet am 8. Februar 2014 unter der Überschrift: „Zweisprachig schon in der ersten Klasse- Muhliusschule hat Vorbildfunktion bundesweit“ über die positiven Erfahrungen mit Bilingualität, also Deutsch und Englisch in der Grundschule im Heimat- und Sachkundeunterricht, aus sprachwissenschaftlicher und pädagogischer Sicht. (muhliusschule.de)

Leif Eriksson Schule

Leif Eriksson (um 970-1020) ist der Entdecker Amerikas und hatte den Beinamen „der Glückliche“. Er fuhr um das Jahr 1000 von Grönland nach Norwegen, trat zum Christentum über, rettete Schiffbrüchige und bekehrte sie, wie das früher üblich war, zum christlichen Glauben. In den Vinland Sagas – vermutlich steht Vinland für Neufundland – gilt er als Entdecker Grönlands, weil er eine Fahrt dorthin unternahm und die Insel erforschte. Die Entdeckung Neufundlands durch die Skandinavier gilt archäologisch als gesichert, lange bevor Christoph Kolumbus sich aufmachte, um mit finanzieller Hilfe der spanischen Krone den Seeweg nach Indien, wozu damals auch China zählte, zu finden. Sicher ist auch (s. KN online vom 02.02.2015) dass die Leif Eriksson Schule mit dem Landespreis des bundesweiten Wettbewerbs „Starke Schule – Deutschlands beste Schulen, die zur Ausbildungsreife führen“ ausgezeichnet wurde. (www.leg.de)

Lilly Martius Schule

Elisabeth „Lilly“ Martius (1885-1976) war eine deutsche Kunsthistorikerin. Künstlerische Ausbildung nahm sie u.a. beim Maler Fritz Stoltenberg, war Mitglied der Deutschen Volkspartei, erlebte 1919 die Einführung des Frauenwahlrechts und kehrte 1923 von Berlin nach Kiel zurück. Sie betreute die Kunstsammlung der Kunsthalle, erlebte die Vernichtung sogenannter entarteter Kunst durch die Nazis, rettete jedoch die Werke der Kieler Kunsthalle und war ihr Kustos. Sie überwachte die wissenschaftlichen Belange. Stellvertretend für ihre zahlreichen Ehrungen ist hier die Universitätsmedaille der CAU vermerkt. Mit ihrem Hauptwerk über die Malerei Schleswig-Holsteins im 19. Jahrhundert setzte sie sich ein Denkmal. Die Lilly Martius Schule ist vor zwei Jahren für ihr Engagement „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BNE)“ als „Zukunftsschule“ erneut ausgezeichnet worden. (www.lms-kiel.de)

Max Tau Schule

Runenstein vor der MTS? – © Robert Perschke

Max Tau Schule

Max Tau (1897-1976), Verleger, Schriftsteller und promovierter Philosoph, Psychologe und Germanist, promotete hier und in Skandinavien norwegische und neue deutsche Literatur und die deutsche Schriftstellerszene, floh, politisch verfolgt, 1938 nach Oslo und Schweden. Er hatte, wie außer ihm nur Willy Brandt, die norwegische Staatsbürgerschaft, warb für eine versöhnliche Verständigung mit Deutschland und setzte sich literarisch für den Frieden zwischen den Völkern und Religionen ein. 1950 erhielt er als erster den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Mit der Max Tau Schule in Mettenhof hielt er intensiven Kontakt. Die Schule feiert 2016 ihr 50jähriges Bestehen. Sie bietet ihrer Schülerschaft vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten an, unter anderem das Projekt „Deutsch als Zweisprache-Zentrum“. Zudem wurde eine Kooperation mit dem musiculum, der Lern- und Experimentierwerkstatt in Kiel, ins Leben gerufen! (max-tau-kiel.de und www.musiculum.de)

Thor Heyerdahl Schule

Thor Heyerdahl (1914–2002) hatte als wohlbehütetes Kind Angst vor dem Wasser, aber eine Sammlung von Käfern und Insekten. Sie begründeten auch seine Forschungen. Er studierte Zoologie und Geografie. Seinen Wunsch, einige Zeit fernab menschlicher Zivilisation in unberührter Natur zu leben, erfüllte er sich 1939 mit seinen Reisen nach Amerika und Forschungen über die Polynesier. Nach einem kurzen Kriegseinsatz in der Finnmark belegte er mit der Kon-Tiki-Expedition, dass Balsaflöße und Schilfboote hochseetauglich waren. Mit seiner Antlantik-Überquerung der „Abora III“ 2007, einem Nachbau der Kon-tiki durch bolivische Aymara-Indianer, hat „Steinzeit-Segler“ Dominik Görlitz bewiesen, dass Thor Heyerdahls Forschungsergebnisse wissenschaftlicher Prüfung standhalten können. Im gleichnamigen Kieler Gymnasium wurden vor Jahren geeignete Schüler und Schülerinnen als Konfliktlotsen in der Kunst ausgebildet, Konflikte konstruktiv zu deeskalieren. (www.welt.de und www.thg-kiel.net)

Thor Heyerdahl Schule

I saw two ships in Diddeldörp – ©Robert Perschke

Wer die Biografien der Frauen und Männer vergleicht, deren Namen sieben Kieler Schulen tragen, stellt fest, dass sie sich durch entdeckerischen Mut, freiheitliches Denken und humanes, verantwortliches Handeln auszeichnen. Ferner haben sie sich in Kultur, Politik, Religion, Wirtschaft und Wissenschaft auch für die Nachwelt verdient gemacht. Gemeinsamkeiten verbinden auch die Leitbilder der Schulen. Sie vermitteln soziale Kompetenzen und sind förderlich für Schulklima und Unterrichtsatmosphäre, um ganzheitliche Lehr-und Lernerfolge nachhaltig zu sichern. Fairer Umgang zwischen Schülern, Schülerinnen, Lehrkräften und Eltern ist unverzichtbar. Es setzt den Willen zu gegenseitiger Achtsamkeit, Respekt, Toleranz und Integrationsbereitschaft voraus. Weil Bildung verändern kann!

Text und Fotos: R.P.